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Drei Zahlen zum wach werden - Rente ist Jugendthema

Ich starte direkt mit einer Beichte:

Als ich mich auf diese Konferenz hier vorbereitet habe, ist mir etwas wirklich Unangenehmes aufgefallen:
Ich habe absolut keine Ahnung vom Thema Rente.
Als junge Beamtin, die später mal eine Pension bezieht, könnte das Thema wirklich nicht weiter weg sein.

So dachte ich - bis ich mich dann mal intensiv damit beschäftigt habe.
Ich bin relativ schnell zu der Erkenntnis gekommen, dass es sehr wichtig ist, sich auch als junger Mensch damit zu befassen.

Aber: warum?

Obwohl uns junge Menschen das Thema noch so 40 Jahre begleiten wird, bis es dann wirklich soweit ist, wird das Thema selten so erklärt oder diskutiert, dass sich junge Menschen auch gemeint fühlen.

Dabei braucht es eigentlich nur 3 Zahlen, um wach zu werden.

48
Das gesetzliche Rentenniveau liegt, wenn es denn dabei bliebt, bei 48 %.
Also weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens.
5
Schon heute ist jede fünfte Person ab 65 Jahren von Altersarmut betroffen.
Tendenz steigend.
30
Und: Frauen bekommen rund 30 % weniger Rente als Männer.

Das sind jetzt keine Zukunft-Szenarien die ich hier aufgeführt habe, sondern klare Realität.
Und wer heute jung ist, der wird besonders betroffen sein.
Weil sich die Erwerbsbiografien ändern. Weil das Renteneintrittsalter nach oben verschoben werden soll.

Selbst wenn man als junger Mensch die aktuellen Debatten verfolgt und versteht was bei dem Thema Rente abgeht -
hängen bleibt “Du wirst keine wirkliche Rente mehr bekommen, du wirst noch Arbeiten, wenn du 80 bist”.
Denn die aktuelle Lösung die uns allen seitens Politik präsentiert wird ist:

Dann halt länger und mehr arbeiten, haha.

Aber was heißt das konkret?

Das Durchschnittsalter beim tatsächlichen Renteneintritt liegt heute bereits bei über 64 Jahren.
Viele Menschen schaffen nicht einmal die reguläre Altersgrenze – aus gesundheitlichen Gründen.
Gerade Menschen in körperlich oder psychisch belastenden Berufen.

Die Antwort „arbeitet mehr und länger“ kann doch nicht ernsthaft die sozialpolitische Vision eines Landes sein.

Wir diskutieren Produktivitätsgewinne, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz –
Uns fallen in so vielen Themen so wahnsinnig gute Sachen ein.

Aber wenn es um soziale Sicherheit geht, fällt uns nur ein:

Mehr schuften.

Das ist keine nachhaltige Sozialpolitik.
Das ist Kapitulation.

Als wäre das nicht schlimm genug

Uns jungen Menschen wird gerne unterstellt, wir wollten nicht für die ältere Generation zahlen.
Generationenkonflikt schimpft sich das dann.

Aber das ist ein künstlich erzeugter Konflikt.
Die gesetzliche Rentenversicherung ist ein Umlagesystem.
Sie funktioniert seit Jahrzehnten.

Was sich verändert hat, ist nicht Solidarität – sondern Verteilung.
Wir haben enorme Vermögenszuwächse in Deutschland.
Wir haben hohe Kapitalerträge.
Wir haben wachsende Ungleichheit.

Wenn Geld für Bankenrettungen, für Subventionen oder für Krisenbewältigung mobilisiert werden kann,
dann kann es auch für eine stabile gesetzliche Rente mobilisiert werden. Hier ist Umverteilung von Vermögen gefragt!

Die Frage ist nicht: Jung gegen Alt.
Die Frage ist: Wer trägt Verantwortung – und wer wird geschont?

Mehr Verantwortung könnten zum Beispiel die Arbeitgeber tragen.

Denn warum reden wir als Gewerkschaft über betriebliche Altersvorsorge?
Weil sie – richtig gestaltet – ein Instrument kollektiver Absicherung ist.

Betriebliche Altersvorsorge bedeutet:

• Arbeitgeber beteiligen sich finanziell.
• Beiträge werden kollektiv organisiert.
• Risiken werden nicht individualisiert.
• Tarifverträge können Standards setzen.

Ohne Gewerkschaften wäre die betriebliche Altersvorsorge oft reine Privatsache.
Mit Gewerkschaften kann sie Teil guter Arbeitsbedingungen sein.

Aber – und das ist wichtig – sie darf niemals Ersatz für eine starke gesetzliche Rente werden.

Wenn betriebliche Altersvorsorge nur ein individuelles Sparprodukt ist,
dann verschiebt sich Verantwortung vom System auf den Einzelnen.
Und genau da landen wir gerade.

Zurück zu den jungen Menschen, für die ich sprechen darf:

Wenn man jungen Menschen keine verlässliche staatliche Perspektive bietet, dann suchen sie sich Alternativen.

Und plötzlich heißt es:

„Mach doch ETF-Sparpläne.“
„Geh in Aktien.“
„Kauf Krypto.“
„Finanzielle Freiheit mit 40.“

Auffällig oft erzählt von jungen Männern auf Social Media, die erklären, dass der Sozialstaat eh ausgedient hat.
Und das sieht man nicht nur im Internet:
Ich habe bei mir im Betrieb junge männliche Kollegen auf das Thema Rente angesprochen und es kam genau das:

“Ja ich mach alles mit ETF, Rente ist doch eh vorbei, ich hab gar keine andere Wahl als privat Vorzusorgen. Deutschland macht da nix mehr”.

Aber Altersvorsorge kann doch keine Lifestyle-Entscheidung sein.

Kapitalmärkte schwanken.
Nicht jeder kann 300 Euro im Monat investieren.
Nicht jede Biografie erlaubt durchgängiges Sparen.

Private Vorsorge kann ergänzen.
Sie kann aber kein solidarisches System ersetzen.
Hier geht doch wirklich das Herzstück des Sozialstaates flöten.

Und wenn junge Menschen sich in riskante Modelle stürzen, dann ist das weniger Ausdruck von Egoismus –
sondern Ausdruck fehlender staatlicher Verlässlichkeit.

Wenn das System Sicherheit bietet, braucht man keine Finanz-Influencer als Ersatz-Sozialpolitik.

Und jetzt spreche ich hier nicht nur als junger Mensch, sonder auch als junge Frau.

Rente ist eine Geschlechterfrage. Die Schlagworte sind alle bekannt:
Gender Pay Gap. Teilzeit. Unbezahlte Care-Arbeit. Alleinerziehende. Niedriglohnsektor.
All das kumuliert im Alter.

Wenn wir Rentenpolitik machen, ohne Gleichstellung mitzudenken, produzieren wir Altersarmut mit Ansage.
Eine gerechte Rente ist also auch eine Frage feministischer Strukturpolitik.

Wir halten fest:

Einige Junge Menschen mögen wenig Ahnung vom Thema haben, auch wenn ich hier von meiner Bildungslücke nicht auf alle schließen will. Aus meiner Erfahrung heraus, besonders hier in dieser Gewerkschaft, kann ich aber sagen, dass junge Menschen eins sind:
Solidarisch. Interessiert an einem stabilen Sozialstaat. Gewillt die Gesellschaft mitzugestalten und dafür zu sorgen, dass es jetzt und auch in Zukunft allen gut geht.

Die große Frage, die wir uns jetzt stellen können beim Thema Rente ist:

Wie holen wir junge Menschen rein?

  • Nicht mit Angst. Die aktuellen Debatten eignen sich richtig gut dafür Panik zu schüren. In einer Welt, die aller spätestens seit Corona für junge Menschen jeden Tag weiter aus den Fugen zu geraten scheint, hilft es nicht zu sagen: “Du kannst mal schön bis 70 arbeiten gehen - Rente siehste dann aber eh nicht”.
  • Nicht mit Moral. Dieser künstlich hergestellte Generationenkonflikt ist quatsch. Ich kenne keinen jungen Menschen, der meinen und seinen Großeltern die Rente nicht gönnt. Aber es ist verständlich, dass sich junge Menschen von älteren Generationen, besonders aus der Politik, mit dieser Aussicht und diesen Angriffen auf den Sozialstaat im Stich gelassen fühlen!

Stattdessen brauchen wir Beteiligung.

Wenn junge Menschen nur hören:
„Ihr müsst zahlen, damit die Alten in Würde leben“, dann fühlen sie sich nicht gemeint.
Wenn sie aber mitgestalten dürfen, wenn ihre Arbeitsrealität einbezogen wird, wenn ihre Lebensentwürfe ernst genommen werden:

Dann entsteht Solidarität.

Junge Menschen brauchen nicht weniger Verantwortung.
Sie brauchen mehr Platz in der Debatte. Und sie müssen von anderen jungen Menschen reingeholt werden.
Ich für meinen Teil fange hier und heute damit an.

Mein Appell für heute an uns ist:

Lasst uns aufhören, das Rententhema als demografisches Naturgesetz zu behandeln.
Es ist gestaltbar.

Lasst uns über faire Löhne, Verteilung von Vermögen und Chancen für wachsende Gerechtigkeit sprechen.
Lasst uns betriebliche Altersvorsorge stärken – aber als kollektives Instrument.
Lasst uns die gesetzliche Rente stabilisieren - als Herzstück des Sozialstaats.

Und vor allem:
Lasst uns jungen Menschen nicht erklären, warum sie zahlen sollen.
Lasst uns mit ihnen gemeinsam entscheiden, wie ein solidarisches System aussieht, das auch ihnen Sicherheit gibt.

Rente ist kein Thema für später.
Rente ist ein Thema für jetzt.
Danke.

 

 

Anna-Luisa Jansen, stellvertretende Vorsitzende der ver.di Jugend zur ver.di Rentenkonferenz am 5. März 2026 in Berlin

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